Wenn Feinfühligkeit müde macht
Über Reizsättigung, Grenzen und die Erlaubnis, nicht immer sanft zu sein


Feinfühligkeit gilt als Geschenk.
Und ja – das ist sie.
Aber wie jedes offene Fenster lässt sie auch Wind herein.
Und manchmal zieht es.
In achtsamen, therapeutischen Räumen – gerade in der Cranio-Arbeit – begegnen sich oft Menschen mit einem sehr feinen Nervensystem.
Wir hören genau hin.
Wir spüren zwischen den Worten.
Wir halten Räume, in denen vieles da sein darf.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – gibt es Momente, in denen etwas kippt.
Ein inneres Augenrollen.
Ein leiser Widerstand.
Ein Erschöpfungsseufzer, der sagt:
„Es ist mir gerade zu viel.“
Das Paradox der Feinfühligkeit
Was selten ausgesprochen wird:
Feinfühlige Menschen reagieren besonders stark auf Feinfühligkeit.
Nicht aus Ablehnung.
Sondern aus Resonanz.
Wenn viele sensible Systeme zusammenkommen, entsteht ein Feld hoher Wahrnehmung:
viel Spüren, viel Reflektieren, viel Mit-Schwingen.
Das ist wunderschön –
aber auch anstrengend.
Unser Nervensystem kennt kein „nur ein bisschen offen“.
Es ist entweder in Kontakt – oder es zieht sich zurück.
Und manchmal meldet es sich ganz schlicht mit:
Genervt-Sein.
Genervt heißt nicht unsensibel
Genervt-Sein ist kein Zeichen von Härte.
Es ist ein Grenzsignal.
Ein Hinweis darauf, dass wir uns gerade anpassen, regulieren, mitschwingen –
obwohl ein anderer Teil von uns etwas anderes braucht:
Klarheit.
Boden.
Einfachheit.
Oder Ruhe ohne Tiefe.
Gerade Behandlerinnen kennen dieses innere Dilemma:
„Ich bin feinfühlig – aber ich habe auch andere Seiten.“
Direkte.
Humorvolle.
Ungeduldige.
Pragmatische.
All diese Seiten gehören dazu.
Feinfühligkeit ist kein Dauerzustand, den man leisten muss.
Sie ist eine Fähigkeit – kein Kostüm.
Auch Klient:innen kennen das
Interessanterweise erleben auch Klient:innen Ähnliches.
Manche kommen in die Behandlung und spüren plötzlich:
„Ich will gerade gar nicht so tief.“
Auch das ist erlaubt.
Nicht jede Sitzung muss kathartisch sein.
Nicht jede Berührung muss alles öffnen.
Manchmal reicht es, dass etwas ruhiger wird –
ohne große Worte, ohne innere Landschaftsreisen.
Die Erlaubnis zur ganzen Bandbreite
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis diese:
Du darfst in sensiblen Räumen auch unsensibel sein.
Du darfst lachen.
Du darfst klar sein.
Du darfst innerlich einen Schritt zurücktreten.
Denn echte Achtsamkeit schließt niemanden aus –
auch nicht die Teile in uns, die gerade nicht fühlen wollen.
Feinfühligkeit verliert ihre Kraft,
wenn sie zur Pflicht wird.
Und gewinnt sie zurück,
wenn sie aus Wahl entsteht.
Ein leiser Abschlusssatz
Wenn du dich also manchmal genervt fühlst –
von viel Achtsamkeit, viel Sensibilität, viel Tiefe –
dann ist das kein Fehler.
Es ist dein Nervensystem, das sagt:
„Ich brauche kurz etwas anderes.“
Und auch das ist Teil von Balance.


